The no-show

“No to spectacle / no to virtuosity / no to transformations and magic and make believe / no to the glamour and transcendency of the star image”  (Yvonne Rainer, “No Manifesto”, 1965)

Trotz Yvonne Rainers Forderung wurde irgendwann alles zum Spektakel: Stars überall, reines Image. Nun heißt es: “Performe!”.  “In der emerging-Performance-Gesellschaft sind wir […] alle Künstler, bzw. Virtuosen […]. Das Immateriellwerden der Arbeit führt zu einer Universalisierung serviler Tätigkeit: alle sind Servicekräfte”, schreibt Alexander Karschnia (in: Groß/Lehmann 2012, S 64) mit Verweis auf Paolo Virno. Virno selbst schreibt: “Die Ähnlichkeit zwischen PianistIn und KellnerIn, die Marx erkannt hat, findet eine ungeahnte Bestätigung in jener Epoche, in der alle Lohnarbeit etwas von der ‘ausführenden KünstlerIn’ hat.” (Virno: Exodus, S 48) 

Arbeit ist Virtuosität – und Virtuosität plötzlich nur mehr Lohnarbeit? Wenn alle Performer sind, will doch keiner mehr Performer sein: Wo bleibt da die Distinktionsleistung? Doch die Inszenierung der eigenen Persönlichkeit als etwas Besonderes – etwa im Web – hat scheinbar zum Ziel, sich als normal  darzustellen: Jeder ist heutzutage begabt, kreativ, bringt Leistung und erlebt wahnsinnig viel (siehe etwa “The Kinspiracy”*) – zumindest soll es so aussehen.

Ein dritter Weg könnte der ”Exit” sein, wie ihn Paolo Virno versteht: Als Ausweg aus einem Konflikt, als Eroberung von Zeit zum Durchatmen und zum Entwickeln neuer Taktiken. Auch das Zaudern oder Zögern könnte so eine Bewegung sein. Für Joseph Vogl bewirkt das Zaudern eine “Aussetzung des dramatischen Akts” (Über das Zaudern, S 47). 

“The no-show finale”, Semperdepot Wien, 2019

“Wir drehen für fünf Tage, das war der Plan. Jetzt ist mein Anzug versaut – und sonst?”, beschwert sich Mario Strk. Das könnte als Zweifel an der Tätigkeit aufgefasst werden, die ein Akteur der “no-show” gegen Ende der Performance formuliert. Gleichzeitig teilt er den Betrachter_Innen mit, dass es sich hier um Dreharbeiten handelt. Doch ein versauter Anzug ist ja wohl lächerlich: Laut Rina Junikus warten die Anwesenden schon den ganzen Sommer auf Boris, der zwar nun hier ist, abergleich aufgibt: Er wird nicht auftreten, zumindest nicht vor Publikum. Die Kamera muss ihm nachlaufen. Gescheitert ist die “Show”, die da scheinbar präsentiert werden sollte, schon längst. Das Double von Boris Urban ist auf der Suche nach weiteren Doubles, Rina Juniku und Johannes Bode, beide keine talentierten Musiker, treten währendessen mit einem Song auf…

Kann eine bestimmte Form des Gescheitert-Seins andere Zu­gänge ermöglichen? Oder ist die Frage nicht selbst schon wieder eine Falle? Wie können wir uns den bereits internalisierten Leistungsgedanken abgewöhnen? Wenn das Subjekt den Wert schafft, wie ist dann Verweigerung möglich? In Verdoppelungen und Posen scheint in „The no-show“ eine spielerische Ambi­valenz durch. Der Text ist eine Art Cut-Up: Er besteht aus Texten von Euforia & Herbst, aus den Gesprächen und Interviews, aus drei Zitaten aus Tsche­chows „Onkel Wanja” sowie aus Ausschnitten von Interviews mit Lady Gaga.

The no-show, Wald4tler Hoftheater

Die Performance „The no-show“ setzte eine konstruierte Lücke in das „Progress Festival“ im Wald4tler Hoftheater (Pürbach/NÖ). Die Bühne bleibt, großteils leer, das Publikum kann das Geschehen im Backstage sowie im Innenhof des Theaters mittels Projektion verfolgen – oder sich selbst zu den Schauplätzen begeben.

“Wenn sich der Zuschauerblick nicht ungehindert auf den fiktionalen Raum ausrichten kann, dieser Raum sich also nicht eindeutig als anderer Raum etablieren kann, vermag der Ort des Zuschauers selbst auffällig zu werden.” (Paul Divjak: Integrative Inszenierungen, 41)

The no-show – Performance / Installation / HD-Video (41 min)
2015-2018


AkeurInnen: Caroline Oismüller, David Cornelius, Fabio Fink, Johannes Bode, Mario Strk, Martin Sagmüller, Moritz Hierländer, Rina Juniku, Roman Wurz, Stephanie Thor
Kamera: Christian Pfabigan
Ton & Projektion: Rainer Wandaller, Reinhard Pölzl
Maske/Kostüme:Julia Herbster
Konzept, Schnitt, Produktion: Johannes Bode

Fotos (c): Johannes Bode, Christian Pfabigan, Marina Kellner

DIE BORIS URBAN STORY
IN AUSZÜGEN

3

Rina: liebe gäste, manche szenen mussten wir aus termingründen vor beginn aufzeichnen. 

entschuldigen sie mich für einen moment. (telefoniert) hallo, ich bins. ich hab heute den räumungsbescheid bekommen. wenn wir nicht bezahlen, sind wir montag draußen. wir können nicht mal einen teil der raten bezahlen. ich weiß nicht, was ich jetzt machen soll. übrigens: boris scheißt drauf. ruf bitte zurück. (in die kamera)wir sind im arsch.

R, im backstage, in die kamera:

boris hatte einen supernicen sommer. dauernd in der sonne, in kuba, das schwein. während ich hier versucht hab, unser gemüse anzubauen, damit wir durch den winter kommen. sicher, wir hatten auch ab und zu mal eine party, haben ein bisschen was getrunken, uns schön angezogen, ja. haben auch mal den einen oder anderen tag verpennt. doch die zeiten haben sich sowieso schon geändert, ihr solltet euch ruhig schon mal daran gewöhnen. übt schon mal. es wird zeit, dass wir uns um andere sachen sorgen machen. die hochglanzmagazine erzählen uns nicht mehr länger, wo wir unsere bio-aubergine, ja die melanzani, fair trade aus deutschland, kaufen können.

ok, ich erzähl euch was passiert ist. also, die beiden waren betrunken. und haben eigentlich gar nichts bemerkt. ich hab eigentlich auch nichts bemerkt, war nur kurz draußen zigaretten holen. wenn man so einen investor hat wie wir kann alles ganz schnell gehen, von einer sekunde auf die andere, und aus ist es. und du sitzt nicht nur ohne kohle da, sondern auch ohne unterkunft, auf der straße quasi. am schotterweg. oder im gras.

naja, wir haben uns irgendwie gedacht, boris könnte uns damit rausholen. wir, er und ich – ja, und vielleicht er auch noch – wir hätten es gemeinscham schaffen sollen. ihr wisst, wovon ich rede. ja, genau. 

und dann kam alles ganz anders. aber klar, es kommt immer alles ganz anders, da erzähl ich euch wohl nichts neues. wir haben dann diesen hof gekauft..

7

diese stille! unheimlich

wenn wir aufhören, wird dieses strukturell benachteiligte gebiet weiter benachteiligt. 

Die Frage, die wir uns gestellt haben, ist: wie können wir einen weltstar wie boris urban ins waldviertel holen? dabei gibt es hier nicht einmal jugendliche. wer soll denn zu seinem konzert gehen? wie sollen wir hier bloß in innovationszirkeln, verschiedenen zeitzonen und kulturellen kontexten arbeiten? das birgt die gefahr, die junge generation zu verlieren. die jungen drohen dort hin zu gehen, wo sie optionen sehen und sinn finden – in dynamischen, ausländischen märkten! das verunsichert uns Entscheider natürlich. wie sollen wir auf diese entwicklungen reagieren? wir wollen hier sinnstiftende visionen etablieren. wir geben euch die möglichkeit, euch auszudrücken und darzustellen. karriere und geld sind dabei unwichtig. werte, werte, werte. wir setzten auf werte. 70 prozent innovation für 41 prozent vertrauensarbeitszeit. wenn sich das nicht auszahlt!

ich hab angst, wenn es so still ist. bitte sprich weiter.